26.01.2023

Führungskräfte vor der Rente – was soll bleiben?

Ulla Schnee beantwortet die Frage, warum so viele Führungskräfte kurz vor dem Ruhestand ihr gesamtes Schaffen konterkarieren.

Führungskräfte vor der Rente – was soll bleiben?

Führungskräfte, die kurz vor dem Ruhestand sind, hätten vor allem einen Gedanken: durchhalten. Sie sehnen sich nach mehr Zeit für die Familie, danach, aufgeschobene private Projekte anzupacken und auch die Aussicht darauf, den kalten Wintern Richtung Süden zu entfliehen, ist verlockend. Der einstige Wunsch, in ihrer Rolle als Führungskraft etwas zu verändern, Neues zu implementieren oder etwas im Unternehmen zu bewegen, weiche in den letzten Arbeitsjahren oftmals einer „Keine-Lust-Haltung“. Alles solle im besten Fall so bleiben wie es ist und sich nicht ändern. Ulla Schnee allerdings warnt vor einer solchen Einstellung: „Mit einem solchen Verhalten konterkarieren Führungskräfte ihr gesamtes Schaffen und das, was von ihnen nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen bleibt.“

In ihrer Tätigkeit als Coach erlebt Ulla Schnee immer wieder, dass sich Führungskräfte, die kurz vor der Rente stehen, vor Veränderungen verschließen und neuen Themen ausweichen, selbst, wenn diese notwendig und sinnvoll sind. Am liebsten verharrten sie in ihren alten Mustern und blieben unbeweglich. Die Meinung der Expertin dazu ist eindeutig: „Führungskräfte ruinieren damit nicht nur ihre aktuelle Reputation, sondern auch alles, was sie bis dahin auf den Weg gebracht haben.“ Es bleibe ein bitterer Nachgeschmack im Unternehmen und im eigenen Team, wenn die Führungskraft die Entwicklung und das Vorankommen blockiert. Mit Sicherheit wolle niemand ein negatives Bild im Unternehmen hinterlassen, oder Sätze, die mit einem „aber“ verbunden sind. Zum Beispiel: Herr Maier hatte immer sehr innovative Gedanken, aber kurz vor seiner Rente hatte er kein Interesse mehr oder Frau Müller war sehr engagiert, aber ein paar Jahre vor dem Ruhestand schaltete sie auf Sparflamme. Wie jeder wisse, seien die Worte, die vor einem aber kommen meist unbedeutend. Ulla Schnee fragt hingegen: „Wollen Sie als Führungskraft nicht für Ihre Erfolge, Ihre großartigen Ideen, Ihren Beitrag zur Weiterentwicklung des Unternehmens, als Mentor Ihres Teams und anderes in Erinnerung bleiben?“

Eine lustlose Haltung von Führungskräften wirke sich nicht nur auf sie selbst, sondern auch auf ihre Teams negativ aus. Ulla Schnee hat selbst erlebt, wie so etwas in der Praxis aussieht. Ihr erster Auftrag als Team-Supervisorin führte sie in die Psychiatrische Forensik. In diesem Gebiet seien nicht nur die Patienten meist langfristig untergebracht, sondern auch das Personal bleibe oft ein Berufsleben lang. Schnelligkeit sei in diesem Bereich nicht gefragt, denn alles brauche seine Zeit. Ulla Schnee erzählt, wie es damals für sie war: „Ich wollte unbedingt erfolgreich sein und gab mir enorm viel Mühe, was schließlich dazu führte, dass ich das Team motivieren konnte, was mich begeisterte und meinen Mentor erstaunte.“ Dieser hätte nicht gedacht, dass sie in so kurzer Zeit Bewegung in die Menschen bringt. Die ersten positiven Fortschritte waren zu erkennen und es ging gut voran, bis eines Tages der Teamleiter auf Ulla Schnee zukam. Mit nur einem Satz zerstörte er das, was sie als Coach bis dato aufgebaut hatte. Er wies durch das Fenster auf eine Kastanie hin und sagte, dass er diese noch dreimal blühen sehen würde, bevor er in Rente geht. Und fügte hinzu, dass sich vorher nichts mehr ändern würde. Das traf sein Team hart und innerhalb von wenigen Minuten war es wieder auf einem Motivationstiefstand. Anfangs dachte Ulla Schnee, dass dieses Verhalten von älteren Führungskräften eine Ausnahme wäre, doch in den nächsten Jahren zeigte sich, dass es alles andere als das war.

Am Ende der Karriere seien es nicht die Erfolge, die in Erinnerung bleiben, sondern die Einstellung der Führungskraft kurz vor dem Ruhestand. „Schnell wird vergessen, was alles erreicht wurde, wenn kurz vor dem Abschied nur ein großes ‚ihr oder ihm war alles egal‘ zurückbleibt“, betont Ulla Schnee. Es sei selbstverständlich, dass manche Führungskräfte vor Rentenantritt kürzertreten wollen, und viele Unternehmen hätten hierzu verschiedene Modelle. Doch in diesem Fall brauche es klare und transparente Absprachen und das Team dürfe nicht darunter leiden. Halte die Führungskraft den Blick allerdings, wie im obigen Beispiel, nur auf die Kastanie gerichtet und wolle, dass alles gleichbleibt, werde sie zur Blockade und darüber hinaus sogar meist noch Mittelpunkt eines Konflikts. Sei dies der Fall, dann fehle die Zeit für einen Neuanfang und der Konflikt bleibe bestehen – auch im kommenden Lebensabschnitt der Führungskraft, was sich nicht nur auf die Reputation im Unternehmen, sondern auch auf das Privatleben auswirke.

Sollten Führungskräfte kurz vor ihrer Rente kein Verlangen mehr danach haben, sich zu engagieren, sollten sie laut Ulla Schnee zumindest eines bleiben, und zwar eine Führungskraft, die Wissen und Erfahrungen teilt. Ihr großer Erfahrungsschatz ermögliche ihnen, ihre Mitarbeitenden zu fördern und die nachkommenden Generationen an ihrem Know-how teilhaben zu lassen. Das sei viel erfüllender, als nur einem Baum beim Welken zuzusehen und die Tage zu zählen, bis endlich die Rente kommt.

zurück