25.10.2018

Wenn Einer Mist baut und andere auch noch etwas davon haben ...

Ein langjähriger Mitarbeiter erschummelt sich immer mal wieder Freizeit während seiner Arbeitszeit. Er wird nicht verpfiffen, er wird auch nicht offensichtlich gedeckt. Offiziell weiß es keiner und inoffiziell ist es schon »normal«. Es läuft einfach so. Vielleicht, weil man seit vielen Jahren zusammenarbeitet, auch schon mal etwas Privates unternimmt. Vor allem aber, weil er in seiner Tätigkeit hochkompetent, sehr engagiert und zudem extrem hilfsbereit ist. Und weil andere es auch machen ...?

Irgendwann fällt das Schummeln »offiziell« auf. Die ersten unguten Gedanken kommen bei dem »Schummler« auf. Er verdächtigt Kollegen, ihn verpfiffen zu haben. Unschöne Worte fallen, auch der Begriff Mobbing. Währenddessen denkt die Führungsriege über Konsequenzen nach. Und denkt. Und denkt. Einerseits ist der »Schummler« rein fachlich extrem wertvoll. Andererseits ist er eine wichtige Größe im Team und im gesamten Unternehmen. Irgendwann ist klar, man muss reagieren. Das kann und darf man nicht durchgehen lassen. Was könnte bloß passieren, wenn das Schule macht?

Großes Manko in der Führung

Es gibt in diesem Unternehmen Führungsebenen, die nicht führen. Das beginnt ganz oben und wird in fast allen Bereichen bis unten durchgezogen. Wo Führung passiert, wenden Mitarbeiter sich auch schon mal direkt an «ganz oben«. In diesem Fall wird eben an der führenden Führungskraft vorbei-agiert.

So kam es in diesem Fall dazu, dass die oberste Führung von den Tätigkeiten des Mitarbeiters erfuhr. Doch es passierte in der Folge nichts als Konsequenz. Auf Teamebene jedoch entstand eine völlig vergiftete Atmosphäre und ein offenes Aufbegehren gegenüber dem nächsten Vorgesetzten, denn dieser hatte sich als Vertreter der Führungsriege das Bild des Handlungsunfähigen eingefangen. Insgesamt sind gut 2 Dutzend Kolleg*innen und Führungskräfte involviert und es herrscht Ratlosigkeit ob der nächsten Schritte, wie die Zusammenarbeit reibungslos funktionieren kann.

Hohes Konfliktvermeidungspotential

An der Stelle komme ich ins Spiel und wende die Frage, was ich für das Team tun kann um in die Frage: Was kann ich dafür tun, dass alle Unternehmensangehörigen schwierigen Situationen, Fehlverhalten und Konflikten entgegentreten und sich mit den jeweiligen Notwendigkeiten auseinandersetzen? Was ist nötig, damit die Stärke, durchsetzungskräftige Entscheidungen zu fällen, gehoben werden kann? Welche unausgesprochenen Regeln und Wertehaltungen werden gelebt und stehen im Gegensatz zu den offiziellen Regeln und Leitbildern? Wie wollen sie damit umgehen? Was kann die Führungsriege auch jetzt noch tun, obwohl sie diese Situation maßgeblich – wenn auch nicht absichtlich – gefördert hat?

Ansatz mit dem Teamleiter

Der »Schummler« wollte nicht in den Austausch zum Thema gehen. Zunächst bestand meine Haupttätigkeit darin, die unterschiedlichen hierarchischen Ebenen davon zu überzeugen, dass die vorgenannten Fragen, Leitlinien und -bilder geklärt und bearbeitet werden. Nachdem die Führungsebenen die relevanten Themen in Klausurtagen untereinander abgestimmt und nach außen getragen hatten, begann das Konflikt-Coaching mit dem Teamleiter. Dieser hatte das Ziel, im Rahmen des Coachings seine Kompetenzen zu allen vorgenannten Themen maßgeblich zu erweitern. Er war hoch engagiert und setzte alles um, was er im Coaching erarbeitete.

Erste Gespräche wurden möglich

Die Teamsituation veränderte sich und erste Ansätze für Gespräche wurden möglich. Das Team lud mich ein, um die eigene Situation zu bearbeiten. Nach den gewünschten Einzelgesprächen zur Evaluierung der Themenlage führte ich zwei voneinander getrennte Konfliktmoderationen mit jeweils dem Teamleiter und einem Teammitglied durch. Ein Workshop zu den Teamthemen sowie zum Erarbeiten eines teambezogenen Konfliktleitfadens und -präventionsmaßnahmen folgten. Der »Schummler« nahm aktiv teil. Ab und zu werde ich im Nachgang zu Teamsitzungen eingeladen, um kritische Themen zu moderieren oder einfach auch nur zur Absicherung des Teams, dass alles gut läuft. Manchmal haben eben alle was davon, wenn einer Mist baut.

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