19.02.2019

Theorie ./. Praxis

Die Verknüpfung von Theorie und Praxis kann vielfältige Synergien hervorbringen.

Das gelingt nicht immer – ist vielleicht auch nicht durchgehend gewollt – und kann ein großes Feld für Konflikte werden. So im vorliegenden Fall.

 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass aus dem Team heraus ein Teammitglied zur Teamleitung befördert wird. Ungewöhnlich ist jedoch, dass ein Teammitglied in eine leitende Funktion aufsteigt, das kommunikativ von je her eher ein Außenseiter war. Er ist fachlich hoch qualifiziert und führt eine Sprache, die in seiner Abteilung sicher ungewöhnlich, wenn nicht einzigartig ist. Rhetorisch einwandfrei, sehr sachlich formuliert und an den Kolleginnen und Kollegen in vielen Fällen vorbei. Das wurde von diesen tolerant gehandhabt. Die Professionalität im beruflichen Alltag fand hohe Anerkennung.

Nachlassende Toleranz
Das Teammitglied wurde befördert und die Toleranz bzgl. der Kommunikation ließ nach. Der Grund: Mit genau dieser rhetorisch ausgefeilten Sprache wurde die Mitarbeiterführung der ehemaligen Kolleginnen und Kollegen praktiziert. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Wahrnehmung dieser Art der Kommunikation nicht zur neuen Rolle passte. Unangenehme Vorgaben, Entscheidungen und Anweisungen werden ganz anders wahrgenommen.
Was vorher eine Art Macke oder Vorliebe war, wurde nun zur Belastung in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Jedes Wort wurde auf die Goldwaage gelegt – und zwar auf die Negativseite.

In der Praxis nicht umsetzbar
Die neue Teamleitung hat zwar eine hohe Fachkompetenz, doch in dieser Position geht er mehr und mehr auf die theoretische Ebene. Plötzlich fällt auf, dass er in seiner alten Rolle als Teammitglied auch die Fachlichkeit eher theoretisch darstellte. In der Theorie hört sich vieles aufgrund der herausragenden Rhetorik sehr gut an, doch hält das Ganze dem Praxistest in kritischen Situationen nicht stand. Schlimmer noch: Es geht so weit, dass Beteiligte den Eindruck haben, sie kommunizieren in unterschiedlichen Sprachen.

Völlig schräg ist, dass die Teamleitung von sich die Vorstellung hat, dass sie nach wie vor sehr nah an den Mitarbeitern ist und sich als sehr empathisch und bemüht empfindet. In diesem Stadium des vollkommenen Missverstehens und der ersten Kündigungsabsichten werde ich als Konfliktmoderatorin hinzugezogen.

Alle gegen einen
Der erste Schritt war aus meiner Sicht extrem sensibel: Es standen 15 Leute – ehemalige Kollegen und heutige Mitarbeiter – in der Haltung gegen ihren ehemaligen Kollegen und neuen Teamleiter gegenüber. Alle gegen Einen. Das wünscht sich niemand. Andererseits wollten alle – darin waren sie sich ausnahmslos einig –, dass die Themen auf den Tisch kommen. Ihre gemeinsame positive Absicht war, die bestehenden Konflikte zu klären. Außerdem waren sie gemeinsam der Ansicht, dass egal wie schwierig es sein mag, sie dies von Anfang an gemeinsam tun wollen.

Der Punkt der Erkenntnis
Es war ein Reden, Arbeiten, Erkennen, Verstehen, Nachfragen, Sich-Wundern, Nicht-Verstehen, Behaupten, Ringen, Hadern ... Bis der Punkt der Erkenntnis erreicht war. Das Verstehen auf der einen Seite, dass ihre Teamleitung voller guter Absicht war, denn sie wollte die Anforderungen der Abteilungsleitung erfüllen als auch Empathie und klar strukturiert in Richtung Team agieren. Was nicht gelungen ist. Die Erkenntnis auf der anderen Seite, dass gute Rhetorik und theoretische Kenntnisse kein Garant für gelungene Kommunikation sind. Der gesamte Prozess wurde getragen von dem Vertrauern, dass sie es gemeinsam schaffen wollen und werden.

Sie haben es geschafft. Zur weiteren Unterstützung nutzen sie Teamcoaching und die Teamleitung eine Fortbildung zur Erweiterung der Führungskompetenzen.

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