27.09.2017

Nobody is perfect

Ich predige – manchmal sogar sehr angestrengt –, dass es gerade in emotional hochgekochten Situationen wichtig ist, so bewertungsfrei wie möglich zu kommunizieren. Und dass wenn mein Gegenüber es nicht schafft, bewertungsfrei zu agieren, ich als Adressatin in dem Gespräch auch einen Teil der Verantwortung habe. Ich habe die Verantwortung dafür, auf „welchem Ohr“ ich höre. Dem Beziehungs- oder dem Sachohr nämlich. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Wenn ich es persönlich nehme ...

Höre ich auf dem Beziehungsohr, nehme ich natürlich alles sehr persönlich und wörtlich, was mein Gesprächspartner sagt. Mein Empfinden ist, dass er alles gegen mich richtet und zwar meist absichtlich. Ergo habe ich bitte selbst dafür zu sorgen, dass ich auf dem Sachohr aktiv bin, wenn mein Gegenüber bewertungsstark agiert.

Ist mir neulich erst passiert:
In regelmäßigen Abständen nehme ich an Intervisionsgruppen teil, in denen z. B. kollegiale Beratung stattfindet. Bei einem der letzten Treffen geschah Folgendes: Gegen Ende des Termins wurde festgestellt, dass meine Bitte um Beratung vertagt werden müsse und ich doch schon mal die Überschrift meiner Thematik nennen möge. So nannte ich die kurze Überschrift mit dem Hinweis, dass es für mich komplexer sei als es sich zunächst anhöre und wollte noch eine Erläuterung hinzufügen.

Und schon ging’s los: Ich kam nicht dazu, mein Thema vollständig zu nennen. Auf der Hälfte der Strecke – d. h. mitten im Satz – wurde ich unterbrochen mit dem Hinweis: Das ist doch ganz einfach. Das ist so und so! Und nicht anders. Meines Erachtens war es anders und diese Schlaumeierei hatte meine Frage in keiner Weise beantwortet. Meine Frage war ja noch nicht einmal gestellt! Mein Verweis darauf half nicht. Im Gegenteil, ich erfuhr – ich Dummerchen – dass auch das ganz einfach sei ...

Sie ahnen es, die Spirale lief los. Mein Sachohr verabschiedete sich. Das Beziehungsohr nahm den Akustikbereich komplett ein. Es kam also nicht zur inhaltlichen Diskussion, sondern eher zur Demonstration, wer was kann und weiß und wer noch lernen darf. Zumindest war das für mich gefühlt so.

Bin ich etwa nicht okay?
Dieses „gefühlt“ passiert übrigens gerne mal. Und zwar meist dann, wenn derjenige, der etwas erläutern möchte, von einer anderen Person unterbrochen wird, die denkt, dass sie weiß, wie der Satz weitergeht. Manchmal kann das so sein. Manchmal auch nicht. Auf jeden Fall signalisiert diese Haltung aus meiner Sicht, dass das Gegenüber nicht okay ist.

Vielleicht war es nur gut gemeint
Positiv betrachtet kann ich im Nachhinein sagen: Ein Kollege wollte mir auf die Schnelle noch eine Antwort mit auf den Weg geben, damit ich das Thema als erledigt betrachten kann. Also wirklich gut gemeint – die Haltung außer Acht lassend.

Nach einer Weile des Empört Seins, erinnerte ich mich daran, dass ich zudem noch etwas anderes sehr gerne predige: „Wenn es Dir nicht gelingt, in hochemotionalen Situationen das Sachohr zu öffnen, dann sei großzügig zu Dir selbst und verzeihe Dir. Die nächste Chance kommt bestimmt.“ Und: „Sei ebenso großzügig mit Deinen Gesprächspartnern, denn unter Umständen war ihr Ziel nicht das, was Sie bei Dir auslösten.“ Sie sehen: Auch Profis können’s anders.

Nobody is perfect!

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