23.01.2019

Kämpfen und Gewinnen – oder die Gemengelage von vielen Konfliktthemen

Sie haben das Gefühl, dass Sie den Kampf gewinnen müssen. Kennen Sie das?

Ich hörte diesen Satz seit langem mal wieder und war zunächst irritiert, zumal die Konfliktpartei von sich aus den Kontakt zu mir gesucht hat, um mit ihren aktuellen Konflikten professionell umgehen zu können. Wie geht man mit einer Person um, die fast nur Gegner hat, die in vielen Belangen benachteiligt wird? Und der durch Missachtung der Bedürfnisse und durch Beschimpfungen das Leben schwergemacht wird.

Ich hatte eine Frau vor mir, die sehr verletzt war und aus den Tiefen der damit verbundenen Emotionen nicht alleine herauskam. Ihr Umfeld war es mittlerweile schlichtweg leid, ihre »Tiraden« über die Ungerechtigkeiten der Welt, die Inkompetenz und das Desinteresse des Vorgesetzten sowie das unterirdische Verhalten der Kollegen immer und immer wieder zu hören.

Im Laufe des Konflikt-Coachings stellte sich heraus, dass wir es mit fünf Themen und unterschiedlichen Protagonisten zu tun hatten. Meine Coachingnehmerin war so sehr in ihren emotionalen Verletzungen und widerstreitenden Themen gefangen, dass sie alles sprichwörtlich in einen Topf warf und vermengte. Es galt also, zunächst zu erarbeiten, welches Konfliktthema besteht und welche Personen aus ihrer Sicht dazugehörten. Zu jedem Thema gab es in ihren Augen mindestens eine Person, die ihr Schaden zufügen wollte bzw. es tat und diese galt es zu bekämpfen – und den Sieg davonzutragen.

Klarheit über den wachsenden Unmut
Sortiert gestalteten sich die Themen bereits entspannter. Das konnte ich auch dem Gesichtsausdruck der Coaching-Nehmerin entnehmen. Grundsätzlich fasse ich gern den »dicksten Hund« zuerst an, was bedeutet, dass das für meinen Coachee am meisten herabwürdigende Thema an erster Stelle meiner Agenda steht. Beim Durchleuchten dieses Themas wurde ihr plötzlich klar, was sie seit einem Jahr hegt und pflegt: Sie hatte den Arbeitsplatz gewechselt und ihren Honoraranspruch nicht vom ersten Tag an durchsetzen können. Weiterhin musste sie erkennen, dass man ihr als Außendienstleiterin keinen eigenen Arbeitsplatz zugewiesen hatte und sie außerdem vorübergehend den Dienstwagen eines Kollegen, der kaum Außendienste wahrnimmt, nutzen musste. Ihre ursprüngliche Vorfreude auf die neue Arbeitsstelle wurde somit durch die Enttäuschung der nicht erfüllten Erwartungen und zugegebenermaßen schlechten Vorbereitung auf sie als neue Mitarbeiterin, bzw. Führungskraft, schon in den ersten Tagen zunichte gemacht.

Die Enttäuschung nahm und behielt Oberhand – und wurde von ihr bis zu unseren Terminen »gepflegt«. Der Blick zurück legt dar, dass ihr Schreibtisch damals am dritten Tag ihres Arbeitsantritts da und ebenso der Dienstwagen längst nach ihren Wünschen angefordert war. Auch gab es im Grunde nur einen Kollegen, der zu allen Kolleginnen unfreundlich war.

Nach gründlichem Herausarbeiten der Ist-Situation und Trennen der Gemengelage standen wir am Whiteboard und meine Coaching-Nehmerin erkannte: Sie war emotional noch so in den ersten sechs Monaten ihres Jobs, dass sie nicht mehr erkennen konnte, dass alle ihre Forderungen erfüllt waren. Irritiert und etwas benommen erklärte sie, dass sie jetzt verstehen konnte, warum keiner mehr ihre Unzufriedenheit hören mochte und im Grunde genommen auch keiner mehr verstand, warum sie sich mit allen im Konflikt sah.

Zu Beginn der nächsten und letzten Sitzung berichtete sie, dass sie mit allen Protagonisten gesprochen hatte und sie wie auch die anderen froh darüber waren, was sie mithilfe des Konflikt-Coachings erkannt hatte.

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