13.09.2018

Ist hier etwa eine Konfliktmoderation nicht möglich?

Es gibt Aufträge, die nicht zu erfüllen sind. Das liegt an den unterschiedlichsten Gründen. Manchmal sind die Grundvoraussetzungen nicht erfüllt, z. B. die Bereitschaft, ergebnisoffen und kompromissbereit in die Auseinandersetzung zu gehen.

Ein anderes Mal gelingt es den Beteiligten nicht, sich aus den emotionalen Engpässen und Sackgassen der Verletzungen – auch mit Unterstützung – herauszukommen. Manchmal will ein Konfliktbeteiligter auch nicht, obwohl zuvor ausdrücklich die Zustimmung erteilt wurde. Heute möchte ich Ihnen gerne ein Beispiel zeigen, das noch einmal völlig andere Bahnen genommen hat.

Die Anfrage kam aus einem mittelständischen Unternehmen und es schien um eine Konfliktmoderation zwischen zwei Mitarbeiterinnen aus einem fünfköpfigen Team zu gehen. In meinem Vorgespräch mit der Teamleitung stellte sich die Situation u. a. wie folgt dar: Zwischen besagten zwei Kolleginnen ist ein Konflikt entstanden, der nicht wirklich benennbar war. Auffällig war das bemerkenswert ablehnende Verhalten einer Kollegin, die selbst exakt das gleiche Verhalten bereits vier Jahre zuvor über einen mehrmonatigen Zeitraum gegenüber anderen Kollegen gezeigt hatte.

Das machte mich natürlich stutzig. Zum Einen fragte ich mich, was die Teamleitung damals wie heute unternommen hat und wie mit den Themen Werte, Verhaltenskodex, etc. umgegangen wird. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zudem Überlegungen, ob Mobbing stattfindet, da das Verhalten z. B. auch ausgrenzend, rufschädigend und langfristig wiederholend war.

Die Teamleitung hatte Gespräche geführt und sich nach einem schnellen Misserfolg auf die Selbstverantwortung der Teammitglieder und „das wird schon wieder“ zurückgezogen. Nebenbei möchte ich gerne erwähnen, dass ich in der Folge meiner Arbeit und mit steigendem Vertrauen und der Erkenntnis, dass sich auf mehreren Ebenen etwas ändern muss, wir über das Vermeidungsverhalten der Teamleitung und deren Ängste mit Konflikten umzugehen, sprechen und ein erfolgreiches Konfliktcoaching durchführen konnten.

Ich wurde gebeten, mit allen direkt und indirekt am Konflikt beteiligten Mitarbeitern Einzelgespräche durchzuführen. Gesagt, getan. Nachdem ich mit der sogenannten »Konflikttreiberin« Kontakt hatte, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich bin weder Ärztin noch Therapeutin – und musste das in dem Fall auch nicht sein, um Verhaltensauffälligkeiten zu erkennen – doch erkannte ich sofort, dass es sich hier weder nur um unbefriedigte Bedürfnisse handelte, die zu einem Konflikt geführt haben, noch nur um eigenwilliges oder schlechtes Benehmen. Ich hatte es mit einer Mitarbeiterin zu tun, die aus meiner Sicht erhebliche Störungen in der Wahrnehmung und im Verhalten hatte. In einem ruhigen Termin mit ihr unter vier Augen erfuhr ich, dass sie schwerbehindert ist. Zum einen gab es körperliche Symptome. Zum anderen jedoch auch psychische, die außerhalb ihres bewussten Erlebens lagen.

Im weiteren Verlauf bekam ich die Gelegenheit, auch mit den Kollegen zu sprechen, die früher schon von den Verhaltensauffälligkeiten betroffen waren. Darüber hinaus erfuhr ich – Unternehmenswelten sind manchmal sehr klein –, dass diese Schwierigkeiten schon lange bekannt waren, da sich über die Jahre Kollegen an den Betriebsrat gewandt hatten. Jedoch wurde nie irgendetwas unternommen, weil keiner den Stein ins Rollen bringen wollte.

Das Problem war nun: Wie schaffe ich es zu klären, dass hier andere Kompetenzen als meine gefragt sind, ohne die beteiligte Person zu schädigen? In der Folge tat sich natürlich die nächste Frage auf: Was bitte ist den anderen Menschen im Unternehmen, z. B. den Vorgesetzten oder dem Betriebsart entgangen?

Konflikte, die evtl. im Rahmen von psychisch bedingten Verhaltensauffälligkeiten entstehen, können selbstverständlich mediiert, bzw. moderiert werden. Allerdings muss es den Personen bekannt sein. In diesem Fall war es nicht bekannt und es begann eine zähe Herangehensweise seitens des Unternehmens hinsichtlich der Gesundheit der Mitarbeiterin.

Mein Auftrag wurde an dieser Stelle zunächst unterbrochen und Anfang 2018, nach ca. neun Monaten wieder aufgenommen und unter den gegebenen Umständen zu Ende geführt. Das Team besteht aus immer noch den gleichen fünf Personen, die eine situationsspezifische Umgangsweise entwickelt und vereinbart haben. Das Thema Mobbing steht nicht mehr auf der Agenda.

Ich hatte es nicht geglaubt und bin sehr froh, dass ich trotz meines Unverständnisses dem Unternehmen gegenüber am Ball geblieben bin. Für die Menschen im Team hat es sich unbedingt gelohnt!

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