08.05.2018

In den Brunnen gefallen ...

„Vor zwei Jahren war das Kind in den Brunnen gefallen. Inzwischen ist es ertrunken“ war ein Zitat im Rahmen einer Situationsanalyse für eine Konfliktmoderation in einem Team – inklusive der Führungsebene.

 

Denke ich näher darüber nach, bin ich in der Tat etwas schockiert: Ein Kind ist im Brunnen und viele wissen es. Man sagt sich, jemand muss Hilfe holen. Ja, sie stimmen alle zu. Aber keiner macht es. Bis dann doch endlich jemand mit dem Seil, der Leiter oder der helfenden Hand kommt, schauen alle zu und das Kind ertrinkt. Tragisch. Man hat ja gesagt, das Kind braucht Hilfe. Getan hat man jedoch erst mal nichts.

Zu späte Hilfe
Natürlich kann man sagen, das ist sicher übertrieben. Doch ist es nicht genau das, wenn ein Mitarbeiter mit dieser Aussage zu verstehen gibt, dass er und seine Kollegen teils dieses sprichwörtliche Kind im Brunnen sind? Obwohl jetzt Helfer vor Ort sind, kommt der Nutzen zu spät.

Ein ertrunkenes Kind (Team) ist nicht reanimierbar, bzw. nur in ganz seltenen Fällen. Ist es reanimiert, sind unter Umständen bleibende Schäden entstanden. Das bedeutet: Mitarbeiter gehen in einen Burn-out, kündigen innerlich bzw. tatsächlich oder tragen die unbefriedigten Bedarfe statt mit der Teamleitung auf Teamebene aus. Die Reha beginnt, Teammaßnahmen/Konfliktmoderationen werden ins Leben gerufen und sollen inzwischen beeinträchtigte Menschen zu motivierten Hochleistern machen.

Eine Empfindung, die es auf den Punkt bringt
Das Bild eines ertrunkenen Kindes ist wirklich ein drastisches. Ich habe lange überlegt, ob ich es nutze. Letztendlich habe ich mich dafür entschieden, weil es genau die Empfindung wiedergibt, die der Mitarbeiter mir gegenüber dargestellt hat. Ja, manche Menschen fühlen sich wie ertrunken, wenn sie an ihre Arbeit denken. Und Führungskräfte sind übrigens auch Mitarbeiter eines Unternehmens.

Der Fall, an den ich hier denke, liegt einige Jahre zurück. Es war eine völlig vertrackte Auftragslage: Die Themen Ausgrenzung, monatelange Ausfallzeiten wegen psychischer Überlastung aufgrund der konfliktbehafteten Situation sowie Mobbing waren bekannt und präsent. Schon zu Beginn habe ich mich im Auftragsklärungsgespräch gefragt, ob ernsthaft noch jemand glaubte, eine Konfliktmoderation könne sinnhaft sein.

Hoffnungsträger Konfliktmoderation
Man hoffte es und wir vereinbarten, mit der Situationsanalyse und Einzelgesprächen zu beginnen. Tenor war: Selbst wenn eine Maßnahme keinen Sinn macht, so haben die beteiligten Personen dennoch die Chance, sich und ihre Problematik darzustellen und werden gehört. Vielleicht könne das schon helfen. Aha. Sie werden gehört ...

Es stellte sich heraus: In der Tat war das Kind in den Brunnen gefallen. Zwar nicht ganz tot, jedoch schwer behindert. Auch ein furchtbares Bild. Insgesamt waren 9 Personen betroffen. Zwischen jeweils einer Person und vier anderen war eine Situation erreicht, in der es nur noch um Wegducken und Vernichten ging. Vernichten auch ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Eine Mediation ist dann nicht mehr sinnstiftend und man sollte besser darüber nachdenken, wie mit den Personen verfahren werden kann.

Die Entwicklung des Konflikts
Wie konnte es so weit kommen und wieso ist diese eine Person noch da? Das ist schnell erklärt: Es handelte sich um ein kleines Unternehmen mit Mitarbeitern, die sehr spezielle Fachkenntnisse hatten. Das hat dazu geführt, dass man extrem viel ausgehalten hat. Sicherlich hätte man die Fachkenntnisse auch anderweitig einkaufen können, man sah jedoch die finanziellen Kapazitäten nicht. Diese Rechnung war leider eine Milchmädchenrechnung.

Irgendwann hat der Konflikt einmal angefangen und alle haben es beobachtet und gewusst. Zu unterschiedlichen Zeiten waren wechselnde Personen betroffen. Es bestand die allgemeine Hoffnung, dass es aufhören würde – und man schaute weiter weg.

Man kann immer Einfluss nehmen!
Kennen Sie die Auffassung, Bösartiges geht nicht von alleine weg? Menschen bleiben Menschen ... manche schauen weg, hoffen und bangen und fühlen sich wie Opfer, die nichts beeinflussen können. Das stimmt nicht! Ich kann immer Einfluss nehmen, auf mich, auf Situationen und auf Menschen. Wenn ich mich nicht traue, aktiv zu werden, dann kann ich andere ansprechen, kann frühzeitig Unterstützung holen. Das ist immer eine Alternative, egal wann, egal wo.

Und wie ging es in dem Unternehmen weiter? Man trennte sich von einer Mitarbeiterin und von einem Teamleiter. Alle anderen erhielten im Rahmen eines Workshops die Gelegenheit, diese vertrackte Situation aufzuarbeiten und Vereinbarungen für die Zukunft zu treffen.

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